Offener Brief an die Heidelberger
Kommunalpolitiker und Kommunalpolitikerinnen
Der Mieterverein Heidelberg nimmt zur aktuellen
Heidelberg-Umfrage im Lichte der Wohnungspolitik Stellung:
Die aktuelle Umfrage zeigt: Keine bezahlbare Wohnungen in Heidelberg für junge Familien!
Sehr geehrte Damen und Herren der Heidelberger Kommunalpolitik !
Sie haben wie wir die Berichte über die aktuelle Heidelberg-Umfrage gelesen. Zum wievielten Mal feiert sich eigentlich Heidelberg als „Wohlfühlstadt“, ohne dass sich auf den Schattenseiten der Wohlfühlstadt etwas geändert hätte? Seit vielen Jahren hat der Mieterverein Heidelberg immer wieder gezielte Aktivitäten für die Schaffung von bezahlbaren Wohnungen angemahnt. Viele Berichte, Pläne, Zeitungsartikel und andere Papiere sind seitdem entstanden, aber wenige Wohnungen wurden gebaut. Und dennoch wiederholt sich von Umfrage zu Umfrage dasselbe Schauspiel: Es ist alles ganz ganz wunderbar! Werden die, die in Heidelberg eine Wohnung haben, gefragt, so erhält man von ihnen natürlicherweise eine überwiegend positive Einschätzung ihrer Wohnungssituation. Sie haben es geschafft, in der tollen Metropole zu wohnen und genießen es. Nur: Niemand hat diejenigen gefragt, die mit ihrem Wohnungswunsch am beinharten Heidelberger Wohnungsmarkt gescheitert sind. Und niemand hat sie alle gezählt.
Die Oberbürgermeisterin freut sich mal wieder über so viele Wohlgefühle in ihrer Stadt und hat es sich zum Ende ihrer Amtszeit hin endgültig angewöhnt, so zu tun als würde der schon seit vielen Jahren offensichtliche Mangel an bezahlbaren Wohnungen irgendwie tatsächlich und wirksam bekämpft. Sicher, es gab schon einigen Wohnungsbau, aber eben fast nur von für Normaleinkommen zu teuren Wohnungen. Im Widerspruch zu den öffentlichen Äußerungen der Oberbürgermeisterin steht aber in allen städtischen Berichten seit dem ersten Beschluss des Stadtentwicklungsplan Mitte der 90er Jahre, dass bis zum heutigen Tag Ungleichgewichte, Engpässe, Mangelsituationen oder andere Schwierigkeiten im Bereich des Hauptziels der Heidelberger Wohnungspolitik bestehen. Und dieses ist eben laut Stadtentwicklungsplan die Schaffung von preiswertem Wohnraum – 200 Wohnungen mindestens pro Jahr hat der Gemeinderat einmal beschlossen.
Nun hat dankenswerterweise die RNZ aus den Umfrageergebnissen der aktuellen Studie der Forschungsgruppe Wahlen über Heidelberg eine Frage herausgefischt, die den Teilmarkt der jungen Familien genauer beleuchtet. Und schon sieht alles ganz anders aus! Es ist nämlich ein großer Unterschied ob man als jüngerer Mensch (unter 44 Jahren) aktuell zwar ganz zufrieden stellend wohnt, aber dennoch ganz genau weiß, dass für eine geplante Familiengründung in Heidelberg ein geeigneter bezahlbarer Wohnraum gar nicht zur Verfügung stehen wird. Mit der ersten Feststellung findet man sich zwar bei 9 von 10 Heidelbergern wieder, die mit ihrer Wohnungssituation zufrieden sind. Mit der zweiten Feststellung findet man sich aber immer noch bei mehr als der Hälfte aller jüngeren Mitbürgerinnen und Mitbürger wieder, die die Familiengründung ins Blickfeld genommen haben und ohne Illusionen wissen, dass es für sie mit Kindern keine bezahlbare Wohnung in der Stadt geben wird. Diese Hälfte ist vom Sozialgefüge der Stadt her eine realistische Zahl, da man davon ausgehen darf, dass mindestens die Hälfte der Einwohner kein gehobenes Einkommen haben. Und dass fast alle Bürgerinnen und Bürger so realistisch denken, wird durch die Umfrage belegt: 4 von 5 aller Befragten halten es für „schwierig eine für Familien passende Wohnung zu finden“, bei Befragten mit schwachen finanziellen Ressourcen sind es sogar 9 von 10. Wieso ignoriert das die Politik ?
Es ist für die Familienperspektiven suchenden jüngeren Mitbürgerinnen geradezu ein Hohn, wenn diese außerordentlich schwierige Lage am Wohnungsmarkt im Vorwort der Oberbürgermeisterin zu derselben Studie so dargestellt wird, dass es „entscheidend“ sei, dass es „Heidelberg auf dem Weg zu noch mehr Familienfreundlichkeit …gelingt, ein breites und preislich angemessenes Wohnungsangebot auch in Zukunft zu garantieren.“ Die Umfrage hat stattdessen gezeigt, dass offenbar fast alle Heidelberger wissen, dass von einer bisherigen Garantie für bezahlbaren Wohnraum für Familien nicht die Rede sein kann und eine solche für die Zukunft nicht einmal ansatzweise in Sicht ist. „Garantiert“ war bisher allenfalls, dass vor allem Bürgerinnen und Bürger mit Kindern und mit schwachen finanziellen Ressourcen keine angemessene Wohnung finden würden. Auf die Fortsetzung dieser Garantie „auch in Zukunft“ kann getrost verzichtet werden.
Ausgehend von der Grundauffassung, dass die Wohnung den Lebensmittelpunkt darstellt, muss deshalb festgestellt werden, dass die Oberbürgermeisterin am Ende ihrer Amtszeit im zentralen kommunalen Tätigkeitsbereich Wohnen keine auch nur einigermaßen den geäußerten Ansprüchen entsprechende positive Bilanz ziehen kann. Immer und immer wieder wird von ihr die konkrete Frage nach dem Mangel an bezahlbarem Wohnraum mit der Formel „Die Bahnstadt“ beantwortet. Nach den Beschlüssen des Gemeinderates, müssten dort 15% der Wohnungen im bezahlbaren Bereich entstehen. Wo man auch immer nachfragt bei den Fachleuten in der Stadt, wird diese Quote für viel zu niedrig gehalten. Was würde das auch für ein Stadtteil mit 85 % oder mehr gehobener Einkommen ! Andererseits hört man Jahr für Jahr, dass selbst eine Quote von 15% bezahlbaren Wohnraums in der Bahnstadt für nicht realisierbar angesehen wird ?!
Angesichts der ernüchternden Bilanz der Wohnungsfertigstellungszahlen seit dem Jahr 2000 – Jahresschnitt sind 335 gebaute Wohnungen, wovon ganze 32 im geförderten Bereich liegen – verbietet es sich sowieso, die Bauprojekte der letzten Jahre wie Furukawa, Glockengießerei u.a. ständig als Erfolgsmeldung zu verbreiten. Auch die Feststellung „die Bahnstadt reicht nur für ein paar Jahre“ ist angesichts der zu erwartenden teuren Wohnungen dort ein eher zynischer Kommentar zur dargelegten völlig mangelhaften Versorgungslage für junge Leute und Menschen mit normalen Einkommen. Die Wohnungsfertigstellungsbilanz (siehe Anlage) spricht ein klare Sprache – sie wird von allen städtischen Sachberichten zum Thema Wohnen der letzten Jahre richtigerweise als eine negative Bilanz interpretiert - , die man nur ignorieren, aber nicht mit schönen Worten in ihr Gegenteil umdeuten kann.
Es darf auch an dieser Stelle gefragt werden, welchen Sinn solche Umfragen haben, wenn die Ergebnisse – wie auch schon die Vergangenheit gezeigt hat – zu keinen Konsequenzen führen, sondern in ihr Gegenteil umgedeutet werden. Wäre es nicht sinnvoller gewesen, das Geld für die Studie – Wie viel hat sie eigentlich gekostet ? –der Wohnbauförderung zuzuschlagen ?
Wenn man auch noch berücksichtigt, dass die Stadt Heidelberg eine Kooperation im Bereich der Wohnungsversorgung mit dem Umland für unnötig hält und dass die Stadt Heidelberg keine über das Jahr 2010 hinausgehende Perspektive für die Entwicklung ihres Wohnungsmarkts hat, so wäre die Bilanz der Wohlfühlstadt 2006 so ziehen:
Familiengründungen mit wohlhabendem Hintergrund herzlich willkommen! Alle anderen bitte ab ins Umland oder in andere Regionen. Wieder kommen, wenn das Familieneinkommen hoch genug ist!
Der Mieterverein Heidelberg hat sich seit Jahren immer wieder an den Fragen nach der strategischen Ausrichtung der Bahnstadt beteiligt. Bis heute ist nicht erkennbar, wie die Stadt die vergebene Chance des Kaufs des gesamten Geländes für 46 € pro m² ausbügeln will. Von Anfang an hat man mit einer Rahmenplanung vom Feinsten den Investoren im ganzen Bundesgebiet den Mund wässrig gemacht nach einem lohnenden Schnäppchen mit teuren Edelwohnungen in der Heidelberger Bahnstadt. Die Folge ist ein allgemein als sehr hoch erwartetes Mietniveau in der Bahnstadt. Von der Gründung einer eigenen Entwicklungsgesellschaft mit dem klaren Ziel einer nachfragegerechten Sozialstruktur in der Bahnstadt oder der Unterstützung von Kleingenossenschaften oder Stadthausprojekten war leider wenig bis nichts zu hören.
Es kann und darf nicht sein, dass die jungen Familien auf das Jahr 2030 warten, wenn dann laut aktueller Studie mit einer Abnahme der Bevölkerung und einer Entspannung des Wohnungsmarktes zu rechnen ist. Mit Schönredereien ist dies nicht zu leisten. So schreibt die Stadt 2004 selbst im Umsetzungsbericht zum Stadtentwicklungsplan von 1997: „Für junge und große Familien, Alleinerziehende, Haushalte mit spezifischen Bedürfnissen und einkommensschwache Bürger/innen ist es nach wie vor schwierig, eine angemessene Wohnung in Heidelberg zu finden. Der Teilmarkt der preiswerten Wohnungen wird immer enger.“
Fazit: Wo es zugegebenermaßen kein breites und preislich angemessenes Wohnungsangebot gibt, kann man auch in der Zukunft keins garantieren. Angebracht wäre gerade in einem Wahljahr eine ehrliche Diskussion über die offensichtliche gesellschaftspolitische Dummheit, der eigenen Jungend in der eigenen Stadt 25 Jahre lang keine familienorientierte Wohnungsperspektive anzubieten.
Keineswegs verkennt der Mieterverein Heidelberg, dass die Kommunen ohne Unterstützung durch Land und Bund die großen Aufgaben allein nicht schultern können. Dies rechtfertigt aber nicht, dass ein Hauptpunkt in den politischen Bilanzen der Stadt Heidelberg immer wieder die Feststellung ist, dass man ein wenig besser da steht als andere Städte. Die realen Mängel, wie sie im Wohnungsbereich offenbar sind, werden so einfach unter den Teppich gekehrt. Das Wohnungsproblem wird in Heidelberg schon weit über 10 Jahre ausgesessen, soll das noch einmal zwei Generationen so weitergehen ?
Der Mieterverein Heidelberg kennt aus seinen Erfahrungen mit den Mieterinnen und Mietern der Stadt und der Region die Mangelsituation im Bereich der bezahlbaren Wohnungen schon seit Jahrzehnten. Aus dieser Erfahrung heraus wird sicher ein Großteil der Bevölkerung die Kommunalpolitik gerne unterstützen, wenn sie mit der Umsetzung von harten Maßnahmen zur Erreichung ihres Stadtentwicklungsziels „bezahlbare Wohnungen“ ernst machen würde. So wurde im Gemeinderatsbeschluss zum „Wohnungsentwicklungsprogramm“ der Bau von jährlich 500 Wohnungen gefördert, wobei man mittlerweile auf die Nennung quantitativer Ziele im Bereich von bezahlbarem Wohnraum verzichtet.
Wie heißt es dort im Juni 2005: „Die Defizite auf dem teuren Heidelberger Wohnungsmarkt gefährden die Stadt u. a. in ihrer sozialen Zusammensetzung und demokratischen Entwicklung, wenn bei der Abwanderung bestimmte Haushaltsgruppen dominieren und bei der Zuwanderung bestimmte Haushaltsgruppen ausgeschlossen werden.“ Und im schon zitierten Bericht 2004 zum Stadtentwicklungsplan: „Derzeit gibt es im Marktsegment der bezahlbaren Wohnungen nach wie vor gravierende Versorgungsengpässe. … vor allem junge Familien mit Kindern betroffen …Wenn Heidelberg auch als Wirtschaftsstandort nicht gefährdet werden soll, ist ein nachfragegerechtes, bezahlbares Wohnungsangebot ganz besonders wichtig.“
Dem ist nichts hinzuzufügen.
Der Mieterverein Heidelberg ist mit dem Gemeinderat der Meinung, dass die zukünftigen jungen oder neuen Familien ein Recht darauf haben, dass man ihnen „preiswertes Wohnbauland….. zur Verfügung stellt“ bzw. dort Mietwohnungen errichtet und zwar „insbesondere für Haushalte mit Kindern, die über ein geringes bis mittleres Einkommen verfügen, somit einen erschwerten Zugang zum Heidelberger Wohnungsmarkt haben oder ins Umland abwandern.“ Auch hier sieht man am Originalton der Stadt, dass die Kommunalpolitik dringend aufgerufen werden muss, ihre eigenen Beschlüsse endlich tatkräftig umzusetzen. Den Bürgern wurde bis heute nicht dargelegt, dass man mit den geeigneten Maßnahmen durch den Gemeinderat bezahlbare Bodenpreise in der Bahnstadt erzwungen werden können.
Bilanziert man die letzten 1½ Jahrzehnte Heidelberger Entwicklung, so kommt man zu dem Schluss, dass die wohlhabende Stadt Heidelberg gar nicht anders konnte als sich in der ökonomischen Summe relativ im Vergleich zu anderen Städten positiv zu entwickeln. Zum anderen aber wird immer deutlicher, dass dieses Wohlfühlen sich nur auf diejenigen bezieht, die es geschafft haben, sei es vom Einkommen her, sei es von der Wohnungssituation her, sei es von ihrer beruflichen Entwicklung.
Eine Gesellschaft und auch diese Stadt hat aber auch Bevölkerungsteile, die weniger wohlhabend sind. So schön es ist, die sich in Heidelberg wohl fühlen, so wenig beantwortet dies die Fragen nach einer gerechten Entwicklung in dieser Stadt in der Zukunft insbesondere beim zentralen Punkt Wohnen.
Wir bitten Sie zu unseren Fragen und Einschätzungen um Ihre persönliche Stellungnahme .
Es grüßt Sie auch im Namen unserer über 12.000 Mitglieder
Der Vorstand des Mietervereins Heidelberg und Umgebung e.V.
Dr. Dietrich Nöthe
1. Vorsitzender |